Drehbucharbeit mit 60-Sekunden-Videos
Sie sind eine Steilvorlage für die Medienpädagogik und eine brilliante Methode, um sich mit Erzählstrukturen und Drehbüchern auseinander zu setzen: Die 60 Sekunden-Remakes von Filmklassikern in nur einem Take, wie beispielsweise “
Forrest Gump“. Wir haben es gewagt und beim Workshop “
Videopunk” der video/film tage 2009 gemeinsam mit zehn MultiplikatorInnen zwei 60 Sekunden-Videos in einem Take gedreht.
Wir schreiben hier über unsere Erfahrungen und Erkenntnisse, geben praktische Tipps und Einschätzungen für die Umsetzung der Methode – und zeigen natürlich die Ergebnisse.
Die Ergebnisse
Eine Gruppe hat sich ganz unbescheiden vorgenommen, die “Herr der Ringe”-Trilogie auf 60 Sekunden einzudampfen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:
Die zweite Gruppe hat mit einer ausgefeilten Kameraführung “Das Experiment” in einer Toilette nachverfilmt:
Motivation und Ziel
- Die Methode fokussiert den Blick der MacherInnen auf Geschichten und ihre Struktur. Der Blick auf das Essentielle der Story wird wichtig, es entsteht ein Gefühl für Erzählstränge, -strukturen, Charaktere etc.
- Auf dieser Basis können Erzählstrukturen generell thematisiert werden.
- Die Methode kann ein Anlass sein, manche Geschichten überhaupt zu lesen/sehen (bspw. “alte Schinken” wie Faust&Co. im Deutschunterricht).
- EineR unserer Twitter-FollowerInnen meinte spontan, dass die Methode auch im DaF-Unterricht eingesetzt werden könnte.
- Nach dem Eindampfen ist es interessant, anschließend die entstandenen Brühwürfel-Geschichten zu reflektieren: Wo sind einzelne Charaktere geblieben? Welche Elemente/Szenen/Erzählstränge des Originals sind unwichtig? Bei unserem Herr der Ringe-Projekt stellte sich zum Beispiel heraus, dass der zweite Teil der Trilogie für die Gesamtgeschichte wenig Relevanz hat.
Grundsätzliche Überlegungen bevor es los geht
- Zum Eindampfen eignen sich vor allem lineare, auf eineN HauptdarstellerIn gepolte Geschichten, insbesondere also alle mit Roadmovie-Struktur.
- Melodramatische/”schwere” Geschichten sind schwierig umzusetzen (der “Pianist” bspw. ist meiner Meinung nach zu ernst).
- Trash rocks, (visual) perfection sucks: 60 Sekunden-Videos ziehen ihren Charme aus dem Trash-Look. Ein Sportplatz kann das Setting liefern, Pappkartons die Requisite. Improvisation ist angesagt, der Spaß und der Punkcharakter sind zentrale Motivationsfaktoren.
- Trash bedeutet nicht, dass es keine Perfektion geben soll: Das 60 Sekunden-Konzept muss gut ausgearbeitet, der eigentliche Produktionsprozess sehr gut vorbereitet sein und die Ausstattung Liebe zum Detail zeigen.
Tipps zur Produktion
- Die Ausstattung und die Requisiten sind zentral, sie stellen – gerade bei einer Turnhalle o.ä. als Drehort – den Bezug zum Original her.
- Hilfreich sind auch Zitate, Gegenstände, Handlungen oder ähnliches, um den Wiedererkennungswert zu erhöhen.
- Auf eine Tonaufnahme kann verzichtet, der Film nachvertont werden. Das erhöht den Trash-Faktor und erleichtert die Produktion immens, weil nach Belieben Kommandos gerufen werden können.
- Das ist auch deswegen so sinnvoll, weil Aufnahmeleitung/Regie essentiell wichtig sind, insbesondere bei komplexen Projekten: Die DarstellerInnen, die Requisiten und die Kamera müssen in der Kürze der Zeit gut koordiniert werden.
- Die Aufnahme des einen Takes kann auch länger als eine Minute dauern und dann upgespeedet werden. Das entspannt etwas bei den Dreharbeiten und erhöht den Unterhaltungswert bei dem/der ZuschauerIn. Länger als 1:30 sollte es aber auch so nicht dauern.
- Die neue Audiospur macht (natürlich) einen wichtigen Teil des Ergebnisses aus und will daher gut überlegt sein: Soll es ein einfacher Dialog, Soundeffekte, einE Off-SprecherIn sein? Darüber hinaus kann (!) dem Produkt durch die Audiospur eine ganz neue Ebene hinzugefügt werden, wie in unserem Herr der Ringe-Beispiel durch den Sportkommentar.
Hier eine kurze Impression/ein kleines MakingOf von einem unserer ersten Drehs, was einen ganz guten Eindruck von der Komplexität vermittelt:
Einschätzungen zum Zeitplan
Für ein 60 Sekunden-Videoprojekt sollten mindestens 8-10 Zeitstunden eingeplant werden und das auch nur bei einem hochkompetenten und -motivierten TeilnehmerInnenkreis:
- Die Konzeption/das eigentliche Eindampfen der Geschichte benötigt ca. 1-2 Stunden,
- für die Ausstattung, Basteln, Schminken und Kostüme aussuchen sollten mindestens 2 Stunden vorgesehen werden,
- gerne dürfen auch noch mindestens 1 Stunde für reine Produktions- und Ablaufplanung eingeplant werden, es gilt: je besser koordiniert wird, desto effektiver kann die Drehzeit genutzt werden,
- für den eigentlichen Dreh auch mindestens 1-2 Stunden, da für die Koordinierung und Optimierung des Ablaufs gerade in einer großen Gruppe viel Zeit verbraucht wird (je mehr StatistInnen und je komplexer die Geschichte, desto mehr Aufnahmen; für unseren “Herr der Ringe” haben wir 70 Minuten reine Aufnahmezeit benötigt).
- Schnitt, Nachvertonung und -bearbeitung benötigen dann auch mindestens 2 Stunden.
Materialliste
- Kostüme
- sonstige Ausstattungsgegenstände
- Pappe für Schilder, Bauten, Trashrequisiten
- Abdeckfarbe und Pinsel um die Pappe zu gestalten
- evtl. Stoffe (roter Stoff kann Blut symbolisieren)
- ein Megaphon bei vielen DarstellerInnen
Dieser Artikel wurde zeitgleich auch im
Medienpädagogik Praxis-Blog veröffentlicht.

